Gedanken zu den Kostümen für „Schwanensee. Rotbarts Geschichte“
Die Bühne behauptet sich nicht in dieser Version von Schwanensee. Rotbarts Geschichte: Sie deutet an. Sie definiert nicht, sie suggeriert. In dieser Mehrdeutigkeit – so nah am Traum und Mythos – lassen sich uralte Archetypen erkennen und zugleich der Wille, etwas von direkten Bezügen Losgelöstes, Eigenes zu schaffen.
Goyo Montero, ein leidenschaftlicher Tiefseetaucher, lädt uns diesmal zu einer anderen Form des Eintauchens ein: in die tiefsten Schichten des Mythos hinabzusteigen, sich den Ängsten zu stellen, die die Dunkelheit bewohnen, und durch diese Abwärtsbewegung eine ungewöhnliche Schönheit zu entdecken – geboren aus den am wenigsten beleuchteten Zonen unseres Geistes. Schwanensee. Rotbarts Geschichte präsentiert sich als ein oneirischer, aus dem Traum geborener Prolog zu einem mythischen Ballett, geprägt von einer tiefgründigen Lesart des dunklen Romantizismus, welcher Schwanensee zugrunde liegt.
Aus heutiger Sicht ist das Tutu – erstmals 1832 auf der Ballettbühne erschienen – zu einem ikonischen Bild in unserem kollektiven Gedächtnis geworden: fast ein Klischee, das von Schwanensee nicht mehr zu trennen ist. Ursprünglich jedoch stellte es einen Bruch dar – die Abkehr vom schweren höfischen Kostüm des 18. Jahrhunderts hin zu einer neuen Beziehung zwischen Körper, Raum und Bewegung. Dieses historische Bewusstsein wirkt hier nicht nostalgisch, sondern als Spannungsmoment.
Eine der zentralen Prämissen von Goyo Montero war es, über die tradierten Klischees hinauszugehen, um eine neue Bildlichkeit des Schwans zu finden: das Vertraute aufzugeben, um in der Ungewissheit neue Fülle zu entdecken – ein Sprung ins Unbekannte ohne Sicherheitsnetz, bei dem der Schwindel bisweilen zum Leitfaden des kreativen Prozesses wurde. Mit Goyo Montero zu arbeiten ist stets eine Herausforderung, doch diesmal sind wir besonders tief hinabgestiegen, auf der Suche nach verborgenen Schätzen.
Das Plissieren wurde als ästhetisches Stilmittel gewählt, um eine gemeinsame visuelle Sprache zu schaffen – ein verbindender Faden, der die unterschiedlichen Silhouetten miteinander verknüpft. Seit der Antike begleitet die Falte den Körper in Bewegung: in den sakralen Tänzen des Alten Ägyptens, im mykenischen Griechenland und später im modernen Tanz, als die Befreiung vom Korsett einen erneuerten Dialog zwischen Körper, Licht und Geste eröffnete. Diese Genealogie reicht bis in die Gegenwart und bildet den Nährboden, aus dem dieser Entwurf hervorgegangen ist.
Die Kostüme für Schwanensee. Rotbarts Geschichte sind aus einem engen und permanenten Dialog mit Goyo Montero entstanden, getragen von einer gemeinsamen Überzeugung: Auf der Bühne gibt es keine Hierarchien. Kein Körper ist zweitrangig, keine Präsenz unwesentlich. Die Bühne wird als kollektiver Organismus verstanden, in dem die Gruppe wie ein einziger Körper agiert und jeder Tänzer, jede Tänzerin vom Moment des Eintritts in den szenischen Raum an wesentlich ist. Die Kostüme begleiten und verstärken diese horizontale Vision. Jedes Kleidungsstück ist zugleich Arbeitskleidung und Verwandlungsapparat: ein funktionales Werkzeug – und eine Schwelle zum Magischen.